Nationalpark Hohe Tauern

Biodiversitätsforschung


Artenvielfalt


 

Die Biodiversität unseres Schutzgebietes flächendeckend zu erfassen ist eine unserer Forschungsschwerpunkte. Die Kenntnisse über Gebiet, Schutzinhalte und Vielfalt der Lebewesen werden systematisch und mit Beharrlichkeit laufend erweitert. Biodiversitätsforschung dient für uns dazu die Verbreitung naturschutzrelevanter Arten (Rote Liste, Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, Vogelschutzrichtlinie) und ihre aktuelle Gefährdungssituation (Vergleich früher/aktueller Daten) genauestens zu untersuchen. Dadurch ist eine laufende Inventur und Bilanz der Artenvielfalt als Naturkapital des Nationalparks Hohe Tauern möglich.


Rückblick 13. Tag der Artenvielfalt

in der Nationalparkgemeinde Heiligenblut

Gipfeltreffen der Artenvielfalt am Fuße des Großglockners

 

66 Wissenschaftler/-innen aus Österreich, Deutschland und Spanien trafen sich vom 26. bis 28. Juli 2019 zum 13. Tag der Artenvielfalt in Heiligenblut am Großglockner. Ziel dieses seit 2007 jährlich im Nationalpark Hohe Tauern stattfindenden Treffens ist es, innerhalb von 48 Stunden möglichst viele Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vom Talboden bis in die Gipfellagen zu erheben. Dieses Jahr stand die Artenvielfalt des Gößnitztales im Fokus der Wissenschaft.

 

Das Untersuchungsgebiet
Das Gößnitztal ist mit 9 km das längste Tal der Schobergruppe und war bis zum Jahr 2005 nur zu Fuß über einen alten, gepflasterten Steinweg erreichbar. Das typische Hängetal mündet mit einer 350 m hohen Steilstufe, davon 100 m als imposanter Wasserfall, in das Obere Mölltal. Das Untersuchungsgebiet reicht vom Ortsteil Winkl (1.280 m Seehöhe) und dem Gößnitzfall im Tal über die Almen, Bergwälder, alpinen Rasen und Bergseen bis zum höchsten Gipfel, dem Roten Knopf (3.281 m Seehöhe).

Für den Nationalpark Hohe Tauern hat das Gößnitztal in Kärnten eine wichtige, historische Bedeutung. „Vor mehr als 40 Jahren sollte der Gößnitzbach in den geplanten Dorfertal-Stausee nach Osttirol abgeleitet werden.“, berichtet Nationalparkdirektor Peter Rupitsch bei der Eröffnung der Tage der Artenvielfalt in Heiligenblut. Seit 1981 ist dieses Tal in der Schobergruppe Teil des ältesten und größten Nationalparks Österreichs.

 

Extrembotaniker einst und jetzt
Heiligenblut ist auch ein historischer Boden für die Untersuchung der Artenvielfalt in den Hohen Tauern. „Vor mehr als 200 Jahren erforschte der Extrembotaniker David Heinrich Hoppe die Pflanzenbestände rund um den Großglockner.“, weiß Helmut Wittmann vom Haus der Natur Salzburg. Er ist einer von zwölf Forscher/-innen, die vor allem die Flora des Gößnitztales genauer unter die Lupe genommen haben. In Österreich gibt es über 3.000 und im Nationalpark Hohe Tauern über 1.300 verschiedene Pflanzenarten. Innerhalb von nur drei Tagen konnten über 500 Pflanzenarten beim Tag der Artenvielfalt nachgewiesen werden, ein sehr erfreuliches Ergebnis. Das Gößnitztal darf mit Fug und Recht als artenreiche Gegend bezeichnet werden.

 

Von Grashüpfern, Gebirgsschrecken und Keulenschrecken
„Das Zirpen der Heuschrecken ist einzigartig im Tierreich, jede Art hat ihren eigenen Gesang, wie bei den Vögeln.“, schwärmt Inge Illich. Genau vor 30 Jahren hat sie die Heuschrecken im Gößnitztal untersucht und war beim 13. Tag der Artenvielfalt wieder mit dabei. Auch wenn mit 140 Arten in Österreich und mit circa 10 Arten im Gößnitztal die Artenzahl im Vergleich zu den Pflanzen gering erscheint, sind Heuschrecken wichtige Zeigerarten. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen und können daher auf Nutzungs- oder Klimawandel hinweisen. Der Bunte Grashüpfer ist die häufigste Art im Gößnitztal und vor allem in den beweideten Bereichen zu finden. Den Begriff „gewöhnlich“ verdient die Gewöhnliche Gebirgsschrecke eigentlich gar nicht. Diese österreichweit gefährdete Heuschrecke kommt im Gößnitztal zahlreich vor. Als rekordverdächtig kann die Sibirische Keulenschrecke bezeichnet werden, diese typische Hochgebirgsheuschrecke erreicht Höhen von bis zu 2.800 m. „Das Artenspektrum hat sich seit 1989 nicht wesentlich verändert. Der Nachtigall-Grashüpfer, eine wärmeliebende Art, ist nun jedoch auch im Gößnitztal gefunden worden.“, so zieht die Heuschreckenexpertin Inge Illich ihre Bilanz nach 30 Jahren.

 

In hohen Lüften schwebet
Mit Sichtungen von einem Bartgeier, einem Mönchsgeier und zwei Steinadlern sind die Könige der Lüfte auch im Gößnitztal anzutreffen. Der weitaus häufigste, für die Zirbenwälder des Tales sehr typische Vogel, ist der Tannenhäher. Buntspecht, Schwarzspecht und Dreizehenspecht weisen auf die natürlichen Bergwaldbestände hin. Der Vogelkundler Ralph Winkler erzählt begeistert von seinen Funden: „Die drei kleinen Turmfalken sitzen in einem sehr einfachen Horst, einer mit Gras gepolsterten Felsnische. Durch das kalte, nasse Wetter im Mai sind die Jungvögel noch relativ klein. In der Nähe des Turmfalkenhorstes habe ich auch ein Schneesperlingsnest entdeckt.“ Insgesamt wurden 39 Vogelarten beim Tag der Artenvielfalt nachgewiesen.
Von ganz anderen Vögeln berichtet Herbert Mayerhofer, er ist seit 2011 Hüttenwirt der Elberfelder Hütte im Talschluss des Gößnitztales. 15 Forscher/-innen nutzten diese Alpenvereinshütte auf 2.346 m Seehöhe drei Tage lang als hochalpinen Stützpunkt für den Tag der Artenvielfalt. „Das sind schräge Vögel wie ich, jeder hat seinen eigenen Vogel und das ist find‘ ich super“, schmunzelt Herbert Mayerhofer.

 

Die lautlosen Flieger der Nacht
Weltweit gibt es über 1.300 und in Österreich 28 Fledermausarten. Die lautlosen Flieger der Nacht sind gefährdet und daher streng geschützt. Sonja Frischmann und Harald Mixanig haben sich beim Tag der Artenvielfalt das Ziel gesetzt, die Fledermäuse des Gößnitztales vom Taleingang bis zur Elberfelder Hütte zu untersuchen. Dafür wurden an zehn verschiedenen Standorten sogenannte Batcorder positioniert, das sind spezielle Geräte zum Aufspüren und Artbestimmen von Fledermäusen. Die Auswertungen am Computer werden zeigen, wie viele Fledermausarten es im Gößnitztal gibt.
Drei Fledermausarten konnten von Caroline Schulze und Marko Eigner direkt bei der Almhütte „Bäuerle Kasa“ bestimmt werden. Zwei Nächte lang standen zwei meterhohe Netze vor der Hütte. Daneben wurde auch ein Leuchtturm zum Anlocken von Schmetterlingen aufgestellt, quasi als Mitternachtssnack für die Fledermäuse. „Im Gebirge ist der Nachweis von Fledermäusen mit Netzen gar nicht so einfach. Diesmal ist es uns gut gelungen.“, informiert Marko Eigner, „In der ersten Nacht haben wir vier Männchen der Nordfledermaus verzeichnet. In der zweiten Nacht waren es fünf Nordfledermäuse – davon 3 Männchen und 2 Weibchen – zwei Zweifarbenfledermäuse eine Kleine Bartfledermaus. Ein säugendes Nordfledermausweibchen deutet auf eine Wochenstube in der Nähe hin.“
Lebensraumschutz ist das Wichtigste für den Fortbestand aller heimischen Fledermausarten. Totholz, Specht- und Baumhöhlen, Felsritzen aber auch alte Ställe, Dachböden und Hütten bieten den Nachtschwärmern ideale Lebensbedingungen. Diese Strukturen sind im Gößnitzal zum Glück vielerorts zu finden.

 

Pelzige Bienen
Hummeln sind durch ihren rundlichen und behaarten Körper an raues Klima und große Höhen angepasst und daher wichtige Bestäuber in Hochgebirge. Von den in Österreich aktuell nachgewiesenen 43 Hummelarten, kommen in den Hohen Tauern 27 Arten noch über der Waldgrenze vor. Beim Tag der Artenvielfalt fanden sechs Expert/-innen insgesamt 17 verschiedene Hummelarten. Der sogenannte „Hummelpfarrer“ Ambros Aichhorn hat im Gößnitztal die seltene Heidehummel entdeckt. „Ich habe viele Gebiete erforscht, die Heidehummel aber bisher nur an drei Orten gefunden“, beschreibt Ambros Aichhorn, „Ein Nest an der Nordseite des Untersberges, öfters ein Nest am Mitterberg in Mühlbach und ein einziger Fund am Radstädter Tauern in Obertauern“.

Johann Neumayer und Walter Wallner haben Hummeln in den Hochlagen des Gößnitztales gesucht. Ihr höchster Fund war eine Alpenhummel auf 2.905 m Seehöhe in der Nähe des Kesselkeessattels. Die Alpenhummel ist die am besten an das Hochgebirgsklima angepasste Hummel. Sie steht zunehmend im Fokus der Forschung, weil sie aufgrund der Klimaerwärmung starke Lebensraumverluste erleiden dürfte. „Nach unseren Beobachtungen in den letzten Jahren, wird die Alpenhummel nur in der Nähe von Gletschervorfeldern angetroffen und ist kaum unter 2.500 m aufzufinden. Sie folgt der Hochgebirgsflora, die auf den ausapernden Flächen blüht.“, sagen die beiden Hummelforscher, „Derzeit ist keine Anpassung an wärmere Temperaturen zu erkennen. Der Rückgang, das Abschmelzen und Erlöschen von Gletschern, wird aus derzeitiger Sicht erhebliche Auswirkungen auf die Verbreitung dieser Hummel zur Folge haben. Zu erwarten ist, dass überall dort, wo die letzten Gletscherreste abgeschmolzen sind, auch das Vorkommen der Alpenhummel erlöschen wird.“

 

Genetische Artenvielfalt
Heuer hat sich erstmals ABOL – „Austrian Barcode of Life“ (www.abol.ac.at) – mit ABOL-BioBlitzen an den Tagen der Artenvielfalt beteiligt. „Ziel von ABOL ist der Aufbau eines digitalen, genetischen Bestimmungsbuchs der gewaltigen Artenvielfalt. Von Arten, die Expert/-innen bestimmen, werden Gensequenzen – sogenannte DNA-Barcodes – generiert und in einer frei zugänglichen Datenbank gespeichert.“, erläutert Nikolaus Szucsich vom Naturhistorischen Museum in Wien. Viele Organismen können selbst von Wissenschaftler/-innen nur in ausgewachsenem Zustand sicher bestimmt werden. Oft ist dies sogar nur für ein Geschlecht möglich. Über einen Vergleich mit der DNA-Barcoding-Datenbank können auch schwer bestimmbarer Arten, sowie Eier, Larven und Gewebereste zugeordnet werden. Dies ist jedoch nur möglich, wenn Forscher/-innen ihr Wissen für den Aufbau der Datenbank zur Verfügung stellen. „Ein herzliches Danke an alle Expert/-Innen vom Tag der Artenvielfalt im Nationalpark Hohe Tauern für die hohe Bereitschaft bei ABOL mitzuhelfen“, freut sich Nikolaus Szucsich.

 

Digitalisierung
Zu Lebzeiten von David Heinrich Hoppe waren die Fundortangaben noch sehr ungenau, so konnte der Fundort „Heiligenblut“ bis zur Pasterze hinauf reichen. In Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung gibt es heutzutage ganz andere Möglichkeiten. Punktgenau und quasi live wurden die Beobachtungen beim 13. Tag der Artenvielfalt testweise mit Smartphones online erfasst. „Pro Tag der Artenvielfalt werden durchschnittlich 4.500 Datensätze zu 1.500 Arten gemeldet. Die Online-Eingabe wird die Datenübernahme in die Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks Hohe Tauern maßgeblich erleichtern.“, erklärt Patrick Gros vom Haus der Natur Salzburg.

 

Was kreucht, fleucht und wächst im Gößnitztal?
Auffällige Säugetiere – wie Gams, Hirsch, Murmeltier, Kuh und Schaf – sowie Amphibien und Reptilien – wie Grasfrosch, Alpensalamander, Bergeidechse, Erdkröte und Kreuzotter – kommen im Gößnitztal natürlich auch vor. 500 Pflanzenarten, über 500 Schmetterlingsarten, 40 Pilzarten, 39 Vogelarten, 30 Schwebfliegenarten, 17 Hummelarten, 10 Heuschreckenarten, 7 Ameisenarten, 3 Fledermausarten, das ist die erste, durchaus erfolgreiche Zwischenbilanz des 13. Tages der Artenvielfalt im Nationalpark Hohe Tauern. Die Auswertungen im Labor werden bei vielen Gruppen wie Käfern, Wanzen, Zikaden, Fliegen, Spinnen oder Tausendfüßern die Inventur des Naturkapitals im Gößnitztales ergänzen und das Artenspektrum vervollständigen.

 

Die wissenschaftlichen Erfassungsmethoden sind im Laufe der Jahrhunderte viel genauer geworden. Die Freude am Entdecken und Erforschen ist bei den Wissenschaftler/-innen nach wie vor die wesentliche Antriebsfeder. Dieser Spirit war beim 13. Tag der Artenvielfalt im Nationalpark Hohe Tauern deutlich zu spüren.

 

Infos zum Untersuchungsgebiet: http://www.hohetauern.at/tagederartenvielfalt

 

 


Biodiversitätsdatenbank

Eine langjährige Kooperation zwischen dem Nationalpark Hohe Tauern und dem Haus der Natur Salzburg gewährleistet bereits seit 2001 eine umfassende Dokumentation aller verfügbaren Informationen zur Biodiversität. In der Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks werden Daten zu Vorkommen, Verbreitung, Ökologie und Gefährdung der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten für die Hohen Tauern gezielt zusammengetragen, standardisiert, zentral verwaltet, ausgewertet und bereitgestellt. Wie auch die Buchhaltung eines Unternehmens kann die Führung eines Biodiversitätsinventars zu den Schutzgütern nie abgeschlossen sein. Sie ist eine laufende, notwendige Arbeit zur Umsetzung von Kernaufgaben des Schutzgebietes. In den letzten 15 Jahren ist es auf diesem Wege gelungen, eine Wissensdatenbank mit mehr als 350.000 Datensätzen zu schaffen.

Auf Basis dieser Datenbank werden zahlreiche naturschutzrelevante Tätigkeiten (Durchführung spezifischer Forschungsprojekte, Erkennung naturschutzfachlich besonders wertvoller Schwerpunkte, Erstellung von Gutachten, Monitoring) beträchtlich erleichtert. Ein wesentlicher Teil des Erfolges ist die laufende Ergänzung und entsprechende Betreuung der Datenbank, womit die Aktualität und Qualität gewährleistet werden kann.

 

Weiterführende Links:


Projektberichte/Infos
Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks Hohe Tauern

 

Broschüre
Vielfältiges Leben - Biodiversität in den Hohen Tauern


Tage der Artenvielfalt


Seit 2007 finden die Tage der Artenvielfalt im Nationalpark Hohe Tauern statt. Alljährlich markieren sie ein Highlight in der Forschungslandschaft der Biodiversität. An zwei Aufnahmetagen im Hochsommer begeben sich rund 70 bis 90 Experten aus unterschiedlichen Disziplinen auf die Suche, um die Tier- und Pflanzenwelt des NPHT ehrenamtlich zu erfassen. Im Durchschnitt werden bei einem Tag der Artenvielfalt 4.200 Datensätze zu 1.500 Arten gemeldet. Die Meldungen belegen die wichtige Rolle des Nationalparks Hohe Tauern als Refugium für seltene und teilweise extrem gefährdete Arten.

Die Tage der Artenvielfalt sind als zeitliche und räumliche Schwerpunktuntersuchungen gerade in einem Großschutzgebiet eine gute Methode, die Artenvielfalt systematisch zu erheben. Der interdisziplinäre Charakter dieser Fachveranstaltung ermöglicht es, nicht nur die traditionell gut untersuchten Organismengruppen sondern auch die weniger beachteten Gruppen zu berücksichtigen. Bei kaum einem anderen Ereignis lässt sich die Freude am Entdecken mit dem nützlichen Sammeln von naturschutzrelevanten Daten so hervorragend verknüpfen. Bisher konnten über die Tage der Artenvielfalt rund 43.000 Datensätze gesammelt werden.

 

Weiterführende Links:

 

Die Ergebnisse aus den Tagen der Artenvielfalt werden in Berichten zusammengefasst und können unter folgen Link abgerufen werden:

Tage der Artenvielfalt im Nationalpark Hohe Tauern

 


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