Es ist ein kleines Jubiläum mit großer Bedeutung: Zum 20. Mal fanden vergangenes Wochenende die „Tage der Artenvielfalt“ im Nationalpark Hohe Tauern statt. Von 10. bis 12. Juli 2026 wurde das Debanttal in Osttirol zum Treffpunkt für rund 60 ehrenamtliche Expert:innen, die gemeinsam auf Spurensuche in der Natur gingen.

Die ehrenamtlichen Expert:innen wurden von Forschungskoordinatorin Angelika Riegler, Irmgard Nell, Forschung Nationalpark Hohe Tauern Tirol und den Volontären in Empfang genommen. c Bliem/Riegler
Das Debanttal zählt zu den beeindruckendsten Landschaftsräumen der Region. Über 16 Kilometer erstreckt sich das abgeschiedene Almtal, eingebettet in die imposante Schobergruppe. Moore, Quellfluren, alpine Rasen, Lärchen-Zirbenwälder sowie felsige Hochlagen bilden ein außergewöhnlich vielfältiges Mosaik an Lebensräumen.
Diese Vielfalt macht das Gebiet zu einem idealen „Freiluftlabor“: Auf engem Raum treffen unterschiedlichste ökologische Bedingungen aufeinander – perfekte Voraussetzungen, um möglichst viele Arten in kurzer Zeit zu dokumentieren.

Das Debanttal präsentierte sich bei den Tagen der Artenvielfalt bei strahlendem Sonnenschein und somit bestem Wetter für zahlreiche Entdeckungen. c NPHT/Riegler

Was die „Tage der Artenvielfalt“ besonders macht, ist das Engagement der vielen freiwilligen Spezialist:innen. Sie bringen ihr Wissen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen ein und erfassen systematisch Tiere, Pflanzen und Pilze. Unterstützt werden sie dabei durch digitale Tools wie Observation.org, wodurch Beobachtungen direkt im Gelände erfasst und wissenschaftlich nutzbar gemacht werden.
Parallel dazu trägt die Initiative „Austrian Barcode of Life“ (ABOL) mit einem BioBlitz dazu bei, genetische Proben zu sammeln und so ein „DNA-Nachschlagewerk“ der heimischen Biodiversität aufzubauen.
Besondere Highlights in diesem Jahr waren die Beobachtungen der Arktischen Smaragdlibelle (Somatochlora arctica), des Flachen-Alpenlaufkäfers (Carabus depressus) oder der seltenen Schweizer Bergwald-Erdeule (Xestia rhaetica).

v.l. Smaragdlibelle (c Eigner); Flacher-Alpenlaufkäfer (c Seifert) und Schweizer Bergwald-Erdeule (c Sauter).
Insgesamt wurden mit Stand 14. Juli 2026 über 280 Gefäßpflanzen-Arten gezählt, darunter auch die europaweit streng geschützte, in Österreich vom Aussterben bedrohte Deutsche Tamariske (Myricaria germanica).
Für besondere Spannung sorgt auch ein möglicher Erstnachweis aus dem Reich der Pilze: Gerhard Koller von der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft konnte vermutlich eine bislang in Österreich noch nicht dokumentierte seltene Rindenpilzart (Repetobasidium canadense) auf Totholz entdecken. Pilze sind von großer ökologischer Bedeutung, da sie die zentrale Rolle von Pilzen im Stoffkreislauf der Natur unterstreichen. Eine endgültige Bestätigung steht jedoch noch aus und erfolgt durch weiterführende Laboruntersuchungen.

Gerhard Koller von der ÖMG vermutet einen Erstfund eines seltenen Rindenpilzes in Österreich. Laboruntersuchungen in den nächsten Tagen werden dies aufzeigen. c Mattersberger
Aktuell sind im Rahmen des Tags der Artenvielfalt etwa 2.400 Beobachtungen von Expert:innen erfasst. Diese und viele weitere Funde werden nun validiert und in Laboranalysen weiter untersucht. Die Ergebnisse der Tage der Artenvielfalt sind ein wertvoller Beitrag zur „Buchhaltung der Natur“ und werden in die Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks Hohe Tauern einfließen. Die finalen Ergebnisse werden im Herbst 2026 erwartet.
Schutzgebiete wie der Nationalpark Hohe Tauern bieten zahlreichen seltenen Arten einen wichtigen Lebensraum. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt.
Die Ornithologen zeigten sich besonders beeindruckt von der außergewöhnlich hohen Dichte des Tannenhähers (Nucifraga caryocatactes) im Debanttal. Aaron und Ulrike Seidl von BirdLife Österreich betonten, dass sie eine derart starke Population in dieser Form bisher noch nicht beobachtet hatten.
Mit der Herpetologin Carolina Trcka-Rojas vom Naturschutzbund Österreich ist auch der wissenschaftliche Nachwuchs bei den Tagen der Artenvielfalt vertreten. Sie nimmt bereits zum dritten Mal teil und unterstreicht vor allem den besonderen Charakter der Veranstaltung: Jedes Nationalparktal habe seine eigene Schönheit und Einzigartigkeit – das Wertvollste seien jedoch die Menschen. Die Tage der Artenvielfalt seien ein einzigartiger Treffpunkt, an dem sich Fachleute unterschiedlichster Disziplinen austauschen und voneinander lernen können.

Neben dem bereits gefundenen Grasfrosch (Rana temporaria) und dem Bergmolch (Ichthyosaura alpestris, Syn.: Triturus alpestris) war Herpetologin Carolina auch auf der Suche nach der Kreuzotter (Vipera berus). c Mattersberger
Einen Blick in die oft verborgene Welt der Insekten gibt Tamara Spasojevic vom Naturhistorischen Museum Wien. Sie beschäftigt sich mit Schlupfwespen und weist darauf hin, dass allein in Österreich rund 2.400 Arten bekannt sind – weltweit geht man von einer um ein Vielfaches höheren Zahl aus. Schlupfwespen (Ichneumonidae) sind hochwirksame Nützlinge im ökologischen Kreislauf. Ihr Nutzen ist auch bekannt und sie werden zur biologischen Schädlingsbekämpfung in Haushalten, Gärten und der Landwirtschaft eingesetzt werden.

Am Sonntag konnten die Expertinnen und Experten ihr Wissen zu den Tagen der Artenvielfalt testen. In Form eines „Pub Quiz“ wurden diverse Daten und Ereignisse der vergangenen 20 Jahre abgefragt. Mit Eifer wurde geschätzt und teilweise staunten die Quizteilnehmenden selbst welche bemerkenserten Ergebnisse es gegeben hat.c Riegler
Ein Blick auf zwei Jahrzehnte zeigt eindrucksvoll, welche Bedeutung diese Initiative hat:
• Über 80.000 Einzelbeobachtungen wurden gesammelt,
• rund 6.000 verschiedene Arten dokumentiert.
• Das entspricht etwa 31 % der gesamten Biodiversitätsdatenbank des Nationalparks
• Rund 11 % aller bekannten Arten im Nationalpark wurden ausschließlich im Rahmen der Tage der Artenvielfalt nachgewiesen
• Mehr als 2.400 Arten wurden nur ein einziges Mal erfasst
Auch die untersuchten Flächen sind beachtlich: Insgesamt wurden rund 209 km² untersucht – das entspricht etwa 11 % der gesamten Nationalparkfläche.

Ein wesentliches Markenzeichen der „Tage der Artenvielfalt“ sind die immer wieder überraschenden und teilweise spektakulären Funde. Sie zeigen eindrucksvoll, dass selbst in den gut erforschten Alpen noch längst nicht alles bekannt ist.
So wurde etwa im Umbaltal ein echter Höhenrekord dokumentiert: Der Neuntöter (Lanius collurio), ein Vogel der typischerweise in tieferen Lagen brütet, konnte hier in über 1.400 Metern Seehöhe nachgewiesen werden – einer der höchsten Brutnachweise in Österreich.
Auch völlig neue Erkenntnisse für die Wissenschaft gelangen im Rahmen der Erhebungen: Mit Urotricha spetai wurde ein bislang unbekanntes Wimperntierchen entdeckt – eine neue Art, die zuvor noch nie beschrieben worden war.
Immer wieder gelingen auch Erstnachweise im Nationalpark. So wurde etwa die seltene Palpenmotte (Sattleria melaleucella) erstmals im Gebiet nachgewiesen – ein kaum erforschter Kleinschmetterling, der selbst unter Experten lange unentdeckt blieb.
Neben solchen Neuentdeckungen sorgen auch Wiederfunde für Aufsehen: Arten, die über Jahrzehnte als verschollen galten, tauchen plötzlich wieder auf. Ein Beispiel ist das stark gefährdete Kleine Ochsenauge, ein Schmetterling, der nach rund 60 Jahren wieder nachgewiesen werden konnte.
Auch seltene und regional begrenzte Arten stehen im Fokus: Die Falsche Kugel-Fransenhauswurz (Jovibarba globifera) etwa kommt weltweit nur in Ost- und Südtirol vor. Ebenso bemerkenswert ist der Fund der Sandbiene (Andrena amieti), die erst 2019 wissenschaftlich beschrieben wurde.
Nicht zuletzt zeigen unerwartete Funde, wie dynamisch Natur ist: Die Bedornte Höhlenschrecke (Troglophilus neglectus) wurde in einem Gebiet entdeckt, in dem man sie aufgrund der geologischen Vergangenheit eigentlich nicht erwartet hätte.

Diese Beispiele machen deutlich: Die „Tage der Artenvielfalt“ sind weit mehr als eine Bestandsaufnahme. Sie sind ein Fenster in die faszinierende, oft überraschende Welt der alpinen Biodiversität – voller Geschichten, Entdeckungen und wissenschaftlicher Meilensteine.