Abgesehen von meist kleinräumigen Projekten, weiß eigentlich niemand wie viele Schneehühner es da draußen eigentlich noch gibt und welchen Dynamiken diese Populationen unterliegen.
Das Alpenschneehuhn ist perfekt an das Leben im Hochgebirge angepasst. Kein Wunder, denn das Schneehuhn ist während der letzten Eiszeit aus Skandinavien nach Mitteleuropa eingewandert. Mit dem Rückzug der Gletscher zog sich die Art hier in die höheren Regionen der Alpen zurück. Diese Art ist perfekt an Kälte angepasst. Das dichte Wintergefieder hat an jeder Deckenfeder des Körpers eine zusätzliche Daunenfeder, die Afterfeder. Es hat befiederte Füße und kann seine Nasenlöcher mit kleinen Federn verschließen. Als Spezialist bewohnt diese Art heute die alpine und subalpine Höhenstufe oberhalb der Waldgrenze, wo meist noch niedrigere Temperaturen seinen Lebensraum prägen. Doch niemand weiß, was das Schneehuhn mit den steigenden Temperaturen zu erwarten hat und wie dadurch bedingte Begleiterscheinungen, wie neue Krankheiten, Veränderungen in der Vegetation usw. der Art zusetzen werden. Erste Anzeichen, dass es dem kleinen Hühnervogel zu warm wird und die passenden Lebensräume langsam verschwinden, gibt es bereits.
Und vor allem weiß, abgesehen von meist kleinräumigen Projekten, eigentlich niemand wie viele Schneehühner es da draußen eigentlich noch gibt und welchen Dynamiken diese Populationen unterliegen. Vereinfacht gesagt, dadurch dass der Vogel aufgrund seiner guten Tarnung sommers wie winters nicht wirklich in Erscheinung tritt, könnte es eine Art sein, die still und heimlich verschwindet. Denn wenn man sie lange nicht mehr gesehen hat, wer weiß, ob sie dann überhaupt noch da ist?

Foto: Schneehuhn im Gelände c NPHT Jessica Fuchs
Da diese Art eine Leit- und Schirmart für viele andere Arten im Hochgebirge darstellt, hat der Nationalpark Hohe Tauern 2021 beschlossen, sich mit einem Monitoring-Projekt der Erforschung der Schneehühner anzuschließen. Als größtes Schutzgebiet der Alpen beherbergt er noch großflächige, oftmals kaum gestörte alpine Lebensräume, die zu deren wichtigsten Rückzugsräumen gehören. Gleichzeitig werden auf den Flächen des Nationalparks bereits die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels untersucht.
Eine Frage, die vielleicht gar nicht zu beantworten ist. Denn eigentlich fallen nur die Hähne in der Balz durch ihre Rufe auf. Dazu kommen im Lauf des Jahres auch noch weitere Unsicherheiten bei Beobachtungen. So können sich im Sommer große Mausergruppen bilden und im Herbst schließen sich ebenfalls oft zahlreiche Hühner zu sogenannten Herbsttrupps zusammen – beides Verhaltensweisen, welche rasch lokal hohe Dichten vortäuschen. Aber aus welchen Entfernungen kommen die Vögel zu solchen Gruppen zusammen? Wie viele „leere“ Flächen gibt es zwischen diesen Trupps?
Erhob man früher die Anzahl rufender Hähne in einem gewissen Gebiet und rechnete dann auf die Gesamtfläche eines Lebensraums hoch, ist nun klar, dass diese Methode die Dichten grob überschätzen kann.
Grundsätzlich können Lebensräume von Arten über zwei Modelle bewertet werden. Einerseits über sogenannte HSI-Modelle (Habitat Suitability Indices). Dabei werden die Lebensräume in kleine Raster unterteilt und jede dieser Flächen nach deren Eignung eingeschätzt. Verschiedenste, für eine Art wichtige Umweltfaktoren werden pro Fläche zu einer Formel zusammengeführt, um damit den gesamten Lebensraum in kleinen Teilflächen zu bewerten. Die errechnete momentane Lebensraumqualität wird durch Nachweise evaluiert.
Daneben können durch Modellrechnungen wie den MaxEnt-Modellen (Maximum Entropy) Lebensraumpotentiale für Arten errechnet werden. Sie geben nicht unbedingt den Status Quo wieder, sondern können stattdessen auch lokale Verbesserungspotentiale anzeigen.
Beide Modelle haben aber ein „Problem“. HSI Modelle basieren auf Expertenwissen, das in den komplexen, sich auch schnell ändernden Lebensräumen manche Faktoren über- oder unterbewerten kann so überhaupt alle Zusammenhänge schon bekannt sind. Deshalb wird es anhand von Präsenzdaten auf seine Plausibilität überprüft. MaxEntModelle für ein Lebensraumpotential hingegen werden ohnehin aufgrund von Präsenzdaten errechnet. Ob eine Art noch in einem Gebiet vorkommt, hängt aber von vielen weiteren Einflüssen ab. Dazu zählen etwa menschliche Störungen oder der Einfluss anderer Arten. Und beiden Modellen gemeinsam ist die Frage, wie gut weiß man über die großräumige Vernetzung mit anderen Lebensräumen bzw. Populationen Bescheid?
Im Nationalpark Hohe Tauern wurde Mitte der 2000er Jahre die sogenannte AVI-Fauna Studie zu mehreren Arten, eben auch zum Schneehuhn, durchgeführt. Dabei wurden anhand einer Linientaxation indirekte und direkte Nachweise des Schneehuhns gesammelt. Dies geschah durch geschultes Personal auf vorgegebenen Routen (Höhenschichtlinien) innerhalb von Referenzgebieten. Anhand der Anzahl an Nachweisen wurde mit MaxEnt-Modellen auf Dichten hochgerechnet.
In dem nun 2022 gestarteten Projekt geht man allerdings einen anderen Weg. In neu definierten Referenzflächen wird zur Balzzeit die Anzahl rufender Hähne erfasst. Dies geschieht durch nächtliches Beziehen von Beobachtungsposten und Zählen der aktiven Hähne. Dabei versucht man, Doppelzählungen auch durch das mauserbedingt individuell ausgeprägte Gefiedermuster der Hähne auszuschließen. Somit wird im Vergleich zur AVI-Fauna Studie nur mit direkten Nachweisen gearbeitet. Diese sollen dann ebenfalls mit einem neuen MaxEnt-Modell, das auch saisonal bedingte unterschiedliche Gruppenbildungen und Aufenthaltsorte berücksichtigt bzw. hochrechnet. Im Anschluss werden die Ergebnisse beider Studien verglichen.

Die technische Ausstattung wurde an den Referenzflächen ausgebracht. Die Datenträger für die Erhebung anschließend entnommen. Schneehuhn-Losung im Gelände. c NPHT Jessica Fuchs
Zusätzlich unterliegen im aktuell laufenden Projekt die Hälfte der Referenzgebiete einem hohen, die andere Hälfte einem möglichst geringem menschlichen Störpotential. Um die Rufaktivität über einen längeren Zeitraum verfolgen zu können, kommen auch Aufnahmegeräte zum Einsatz, die über vier bis fünf Wochen die morgendlichen Rufe aufzeichnen. Dies soll langfristig u.a. helfen, die besten Bedingungen für einen erfolgreichen Zähltag festzulegen, denn ja, auch Forscher stören, wenn sie oft in denselben Gebieten unterwegs sind!
Da man bei dieser Untersuchung auch mit anderen Forschern aus Österreich, Italien und der Schweiz im Austausch steht, zeigen sich nach mittlerweile fünf Jahren interessante Ergebnisse. Denn wie es scheint, verhalten sich Schneehühner zumindest regional, wenn nicht sogar individuell, sehr unterschiedlich. So verhalten sich beispielsweise entgegen den jahrzehntelangen Schweizer Untersuchungen im Nationalpark Hohe Tauern die Schneehühner so, dass sie ihre Balz je nach Schneelage in völlig andere Gebiete verlagern können.

Die erhobenen Daten der Aufzeichnung der Balzrufe werden anschließend ausgewertet. c NPHT Jessica Fuchs
Dieses Projekt zeigt sehr eindrücklich, wie schwierig es allgemein ist, Einflüsse, wie etwa durch den Klimawandel, festzustellen, wenn man nicht einmal die Ausgangsgröße, sprich die Anzahl der Hühner, wirklich kennt. Und selbst, um diese einigermaßen zu erfassen sind Jahre, vielmehr Jahrzehnte notwendig. Auf die Ergebnisse solcher langen und wichtigen Zeitreihen zu warten, kann man sich mittlerweile nicht mehr leisten. Parallel sind daher für Arten wie das Schneehuhn unterstützende Managementmaßnahmen wie zur saisonalen Besucherlenkung notwendig. Diese kommen dann auch allen anderen Biotopgenossen dieser Leitart des Hochgebirges zugute.
Das Alpenschneehuhn ist perfekt an kalte Lebensräume angepasst. Steigende Temperaturen führen dazu, dass geeignete Lebensräume schrumpfen oder sich weiter nach oben verlagern doch auch Berge sind enden wollend
Es besiedelt vor allem die alpine und subalpine Höhenstufe oberhalb der Waldgrenze, wo kühle Temperaturen und spezielle Vegetation vorherrschen.
Die Tiere sind hervorragend getarnt und dadurch schwer zu entdecken. Zudem bilden sie je nach Jahreszeit Gruppen (z. B. zur Mauser- oder Herbstzeit), die lokal höhere Dichten vortäuschen.
Neben klassischen Zählungen rufender Hähne werden moderne Modelle wie HSI- (Habitat Suitability Index) oder MaxEnt- Modelle eingesetzt, um Lebensraumpotentiale und mögliche Verbreitungen abzuschätzen.
Alle Methoden haben Unsicherheiten. Modelle basieren auf Annahmen und Daten, die nicht immer alle Einflussfaktoren berücksichtigen können, etwa Störungen durch den Menschen oder Wechselwirkungen mit anderen Arten.
Im aktuellen Monitoring-Projekt werden rufende Hähne gezählt, akustische Aufnahmen ausgewertet und Lebensraummodellierungen durchgeführt. Ziel ist es, genauere Daten zur Population und ihrem Verhalten zu erhalten.
Erste Ergebnisse zeigen, dass Schneehühner ihr Verhalten dort wo es noch möglich ist zum Teil flexibel anpassen können – etwa indem sie ihre Balzgebiete je nach Schneelage verlagern. Das erschwert die Erfassung zusätzlich.
Es gilt als Leit- und Schirmart des Hochgebirges. Sein Schutz kommt auch vielen anderen Arten zugute, die denselben Lebensraum teilen.
Menschliche Störungen, etwa durch Naturnutzung, können das Verhalten der Tiere beeinflussen. Deshalb sind Maßnahmen wie Besucherlenkung wichtig.
Neben langfristigem Monitoring sind konkrete Maßnahmen wie die Lenkung von Naturnutzern (vom Schitourengeher bis zum Speedflyer) und der Schutz und Erhalt der Lebensräume entscheidend.