Wenn ich heute im Krumltal stehe und den Blick über die Felsen schweifen lasse, kann ich kaum glauben, dass hier vor wenigen Jahrzehnten kein einziger Bartgeier mehr seine Kreise zog. Der Himmel war leer, die Berge still. Heute gleiten wieder mächtige Schwingen über die Gipfel – ein Sinnbild dafür, dass Naturschutz wirken kann, wenn Menschen gemeinsam handeln.
Vor rund hundert Jahren galt der Bartgeier in den Alpen als ausgerottet. Falsche Anschuldigungen – er würde Lämmer reißen oder gar Menschen angreifen – führten zu seiner gnadenlosen Verfolgung. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts verschwand er vollständig aus dem Alpenraum.
In den 1970er Jahren begann ein Umdenken. Der WWF Österreich startete erste Monitoringprogramme, um Lebensbedingungen und potenzielle Wiederansiedlungsgebiete zu erfassen. In den 1980er Jahren übernahm der Nationalpark Hohe Tauern diese Aufgabe und entwickelte gemeinsam mit internationalen Partnern ein umfassendes Wiederansiedlungsprojekt.
Ein entscheidender Meilenstein war der erste Bruterfolg in Gefangenschaft im Alpenzoo Innsbruck 1978. Die damals geschlüpfte Bartgeierdame mit der Kennung BG 006 lebt noch heute – mittlerweile im Ruhestand in der Eulen und Greifvogelstation Haringsee (EGS) (Stand Jänner 2026). Sie legte im Laufe ihres Lebens 51 Eier, brachte 23 Küken zur Welt und adoptierte 20 weitere – ein Symbol für den langen Atem, den erfolgreicher Artenschutz braucht.
1986 war es schließlich so weit: Im Krumltal bei Rauris wurden die ersten jungen Bartgeier im Rahmen des alpenweiten Schutzprojekts in die Freiheit entlassen. Die Ziele waren klar:
Seit der ersten Freilassung hat sich das Projekt zu einer der größten Erfolgsgeschichten des europäischen Naturschutzes entwickelt. Über 260 junge Bartgeier wurden seither in den Alpen ausgewildert, davon 63 Tiere in Österreich (Stand 2026).
Die erste erfolgreiche Freilandbrut gelang 1997 in Frankreich, und 2010 schlüpfte im Krumltal der erste Jungvogel in freier Wildbahn in Österreich – passenderweise erhielt er den Namen „Kruml“, nach dem Tal, in dem alles begann.
Heute beteiligen sich zahlreiche Institutionen am europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP), darunter:
Die internationale Koordination erfolgt über die Vulture Conservation Foundation (VCF) und das International Bearded Vulture Monitoring (IBM).
Heute hat sich eine alpenweite Population etabliert, die sich über Frankreich, Italien, die Schweiz, Österreich und Deutschland erstreckt. Dennoch variieren die Fortpflanzungserfolge regional – beeinflusst durch:
Der Nationalpark Hohe Tauern zählt heute zu den wichtigsten Brutregionen des Bartgeiers in den
Alpen. Seine Schutzmaßnahmen umfassen:
Diese Maßnahmen tragen entscheidend dazu bei, dass sich die Population weiter festigen kann.
Als Aasfresser übernimmt der Bartgeier zentrale ökologische Funktionen:
Seine Rückkehr bedeutet daher nicht nur die Wiederkehr einer Art, sondern die Wiederherstellung eines ökologischen Gleichgewichts.
Trotz aller Erfolge bleibt der Schutz des Bartgeiers eine dauerhafte Aufgabe. Der langfristige Erfolg hängt ab von:
Die Geschichte des Bartgeiers zeigt, dass Artenschutz wirkt –wenn er langfristig gedacht, wissenschaftlich begleitet und gesellschaftlich getragen wird.
Vierzig Jahre nach der ersten Freilassung im Krumltal ist der Bartgeier wieder ein fester Bestandteil der Alpenlandschaft. Seine Rückkehr steht sinnbildlich für das, was möglich ist, wenn Menschen über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Der Himmel über den Hohen Tauern ist wieder belebt –und mit ihm das Vertrauen, dass Natur sich erholen kann, wenn man ihr die Chance dazu gibt.
WWF Österreich: 40 Jahre Bartgeier Wiederansiedlung – Chronik eines Erfolgsprojekts; https://www.wwf.ch/de/willkommen/erfolgsgeschichte;
Nationalpark Hohe Tauern
Alpenzoo Innsbruck
Eulen- und Greifvogelstation Haringsee
Vulture Conservation Foundation: International Bearded Vulture Monitoring (IBM) Annual Report
Stiftung Pro Bartgeier: Bartgeier in den Alpen – Status und Schutzmaßnahmen
Der Bartgeier wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts vollständig aus den Alpen verdrängt. Falsche Vorstellungen, etwa dass er Lämmer reiße oder Menschen angreife, führten zu einer intensiven Verfolgung und schließlich zur Ausrottung.
1986 wurden im Krumltal bei Rauris die ersten jungen Bartgeier im Rahmen des alpenweiten Wiederansiedlungsprojekts ausgewildert. Damit begann ein wichtiger Schritt zur Rückkehr der Art in die Alpen.
Die Wiederansiedlung gilt als eine der größten Erfolgsgeschichten des europäischen Naturschutzes. Seit 1986 wurden mehr als 260 junge Bartgeier in den Alpen (Stand 2026) ausgewildert, davon 63 in Österreich. 1997 gelang in Frankreich die erste erfolgreiche Freilandbrut, 2010 schlüpfte mit „Kruml“ der erste in Österreich in freier Wildbahn geborene Bartgeier.
Der Nationalpark Hohe Tauern gehört heute zu den wichtigen Brutregionen des Bartgeiers in den Alpen. Durch Monitoring, Besucherlenkung, temporäre Sperrzonen und gezielte Aufklärungsarbeit werden Brutplätze geschützt und die erfolgreiche Fortpflanzung unterstützt.
Als spezialisierter Aasfresser verwertet der Bartgeier vor allem Knochen und Kadaver. Dadurch trägt er zum natürlichen Nährstoffkreislauf bei, unterstützt den schnellen Abbau von Überresten und ist Teil eines funktionierenden alpinen Nahrungsnetzes.
Die Rückkehr ist ein großer Erfolg, aber der Schutz bleibt eine langfristige Aufgabe. Die Population muss weiterhin überwacht und vor Störungen, fehlender Nahrung und Gefahren wie Bleivergiftungen geschützt werden. Entscheidend sind außerdem die internationale Zusammenarbeit und der Erhalt geeigneter Lebensräume.
April 2026: Teil 1: Warum Arten- und Lebensraumschutz unsere Zukunft sichert
Mai 2026: Teil 2: Biodiversität – warum Vielfalt stabile Ökosysteme schafft
Juni 2026: Teil 3: Können einzelne Arten ganze Ökosysteme stabilisieren?
Juli 2026: Teil 4: Der Nationalpark Hohe Tauern – Ein Modell für modernen Naturschutz
August 2026: Teil 5: 40 Jahre Bartgeier-Wiederansiedlung – Erfolgsgeschichte des alpenweiten Naturschutzes
September 2026: Teil 6: Nationalpark Hohe Tauern: Natur& Kultur: Arten-/Lebensraumschutz in der Kulturlandschaft