Nationalpark Hohe Tauern

Warum Arten- und Lebensraumschutz unsere Zukunft sichert 6 teilige Beitragsreihe zu Arten- und Lebensraumschutz


Arten- und Lebensraumschutz ist ein zentrales Anliegen von Nationalparks weltweit. Oft als letzte Naturräume im dicht besiedelten Europa sind Nationalparks ein Rückzugsraum für Arten und bieten weiträumige Lebensräume, welche allerdings auch von Klimaveränderung und Umwelteinflüssen betroffen sind.
Grund für den Nationalpark Hohe Tauern sich 2026 im Rahmen einer 6 teligen Blogreihe ausführlich mit der Thematik zu beschäftigen. Viele Leistungen der Natur bleiben im Alltag unsichtbar – bis sie fehlen. Und wir können nur schützen und achten, was wir verstehen und kennen.


Stell dir vor, morgen gäbe es keine Bestäubung mehr. Keine Äpfel. Keine Kirschen. Keinen Kaffee. Unvorstellbar, oder? Dabei ist genau das keine fernes Zukunftsszenario mehr, sondern bereits Wirklichkeit: In China bestäuben Landwirte ihre Obstbäume bereits per Hand. Was wir für selbstverständlich halten, ist das Ergebnis hochkomplexer Naturprozesse, die seit Jahrtausenden ineinandergreifen.

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Der Mensch nutzt seit jeher die scheinbar unerschöpflichen Ressourcen der Erde. Die Ökosysteme unserer „Mutter Erde“ schenken Nahrung, sauberes Wasser, Rohstoffe, Heilmittel – und nicht zuletzt Inspiration und Erholung. Doch dieser Nutzen entsteht nicht zufällig. Nur intakte Ökosysteme können Wasser speichern und reinigen, Luft filtern, fruchtbare Böden bilden, vor Erosion und Hochwasser schützen und das Klima regulieren – lokal wie global.

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Biologische Vielfalt ist damit weit mehr als ein ästhetischer Wert. Sie ist die Grundlage unseres Lebens und unserer Wirtschaft. Studien schätzen den globalen Wert der Ökosystemleistungen auf 125 bis 140 Billionen US-Dollar pro Jahr – ein unsichtbares, aber gigantisches „Wirtschaftsprogramm“ der Natur.

Was ist Arten- und Lebensraumschutz?

Artenschutz bedeutet, einzelne Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben zu bewahren und ihren Bestand langfristig zu sichern.
Lebensraumschutz geht weiter: Er schützt die Orte, an denen diese Arten leben – Wälder, Moore, Flüsse, Berge, Meere oder Wiesen.
Prozessschutz geht in Nationalparks noch einen Schritt weiter und soll die natürliche Dynamik sichern, die die Lebensräume prägen, sowie natürlicherweise entstehen und verschwinden lassen.

Ohne geeigneten Lebensraum kann keine Art überleben.

Der Arten- und Lebensraumschutz verfolgt daher ein klares Ziel: Bedrohte Arten sichern. Lebensräume bewahren, ökologische Prozesse erhalten.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Tiere oder Pflanzen, sondern um das komplexe Zusammenspiel ganzer Lebensgemeinschaften – vom Bodenmikrobiom über Insekten und Pflanzen bis hin zu großen Beutegreifern. Nur wenn diese Netzwerke funktionieren, bleiben Landschaften widerstandsfähig gegenüber Klimawandel, Naturgefahren und intensiver Nutzung. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES). In seinem globalen Bericht von 2019 warnt er, dass bis zu eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind – mit gravierenden Folgen für Mensch und Wirtschaft.

Warum ist Arten- und Lebensraumschutz so wichtig?

  • Ökologische Gründe
    Jede Art erfüllt eine Funktion im Ökosystem. Verschwindet eine, gerät das Gleichgewicht ins Wanken. Bestäuber wie Bienen sichern unsere Nahrungsmittelproduktion, Regenwürmer lockern Böden, Pilze zersetzen abgestorbenes Material und schaffen neue Nährstoffe.
  • Wirtschaftliche Gründe
    Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus hängen direkt von gesunden Ökosystemen ab. Natur liefert Rohstoffe, Medikamente und sauberes Wasser. Ja, rund die Hälfte aller weltweit genutzten Medikamente basieren auf natürlichen Wirkstoffen. Wenn Arten verschwinden, verlieren wir nicht nur biologische Vielfalt, sondern auch wirtschaftliche Stabilität.
  • Ethische Gründe
    Arten- und Lebensraumschutz ist nicht nur eine Frage des Nutzens, sondern auch der Verantwortung. Jede Art besitzt einen eigenen Wert, unabhängig davon, ob sie für den Menschen nützlich ist. Der Schutz der Natur bedeutet, Verantwortung für sie zu übernehmen damit kommende Generationen auch selbst noch eine lebenswerte Umwelt vorfinden. Der intrinsische Wert der Natur (auch Eigenwert genannt) bezeichnet die Auffassung, dass Natur, Lebewesen und Ökosysteme einen Wert an sich besitzen.

 

Was leisten Arten und Lebensräume für den Menschen?

Viele Leistungen der Natur bleiben im Alltag unsichtbar – bis sie fehlen. Erst wenn Ernten ausbleiben, Wasser knapp wird oder Böden erodieren, wird deutlich, wie sehr das menschliche Leben von funktionierenden Ökosystemen abhängt.

  1. Bestäubung – der stille Motor
    Nur wenige Pflanzen bestäuben sich selbst. Die meisten sind auf Tiere angewiesen – vor allem auf Insekten. Rund 70 % der weltweit wichtigsten Nahrungspflanzen sind zumindest teilweise auf tierische Bestäubung angewiesen, was etwa 35 % der globalen Nahrungsmittelproduktion betrifft
    In der EU hängen sogar 84 % der Kulturpflanzenarten von Insekten ab (Quelle: Europäisches Parlament). Weltweit sind etwa 90 % der Wildpflanzenarten auf tierische Bestäubung angewiesen.
    Ohne Bestäubung gäbe es weniger Früchte, weniger Samen, drastische Ertragseinbußen. In Teilen Chinas bestäuben Landwirte Obstbäume bereits per Hand – weil natürliche Bestäuber fehlen. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie teuer der Verlust von Biodiversität werden kann.
  2. Natürliche Schädlingsregulierung – die kostenlose Pflanzenschutzpolizei
    In naturnahen Ökosystemen entsteht ein komplexes Räuber-Beute-Netzwerk wie zum Beispiel:
    • Meisen fressen Raupen
    • Marienkäfer vertilgen Blattläuse
    • Fledermäuse jagen Nachtinsekten
    • Bodenpilze bekämpfen Krankheitserreger.
    In artenreichen Landschaften können 20–50 % potenzieller Schädlingsschäden natürlich abgefangen werden. Studien zeigen, dass in europäischen Laubwäldern bis zu 40 % der Schadinsekten von Vögeln reguliert werden (Mäntylä et al., 2011).
    Naturnahe Ökosysteme gewährleisten eine natürliche Schädlingsregulierung was in weiterer Folge weniger Pestizideinsatz nach sich zieht. Und weniger Pestizide bedeuten gesündere Böden, Schutz für Bestäuber, geringere Kosten und stabilere Ernten – ein Gewinn für Mensch und Natur.
  3. Stabilisierung des Wasserhaushalts – die natürliche Hochwasserversicherung
    Wälder, Moore, Auen und gesunde Böden wirken wie riesige Schwämme. Sie speichern Regenwasser, geben es langsam ab, stabilisieren das Grundwasser und verhindern Hochwasserspitzen. Gerade bei zunehmenden Extremwetterereignissen ist das entscheidend.
    Technische Lösungen wie Rückhaltebecken sind teuer und wartungsintensiv – natürliche Systeme können bezüglich Hochwassersicherung einen wichtigen Beitrag leisten, dauerhaft, leise und effizient.
  4. Klimaregulation – die natürliche Klimaanlage
    Pflanzen und Böden sind gewaltige Kohlenstoffspeicher. In Österreich enthalten Wälder rund eine Milliarde Tonnen Kohlenstoff (Quelle: BMLUK). Der Weltklimarat (IPCC) betont in seinen Berichten, dass intakte Ökosysteme entscheidend für Klimaanpassung und Klimaschutz sind.
    Naturschutz ist damit aktiver Klimaschutz – jeder gesunde Baum, jedes Moor, jede Wiese trägt dazu bei, den Klimawandel zu bremsen.
  5. Nährstoffkreisläufe und fruchtbare Böden
    Böden sind lebendige Systeme. Milliarden Mikroorganismen zersetzen organisches Material, speichern Nährstoffe und bauen Humus auf. Ohne stabile Nährstoffkreisläufe würden Böden verarmen – Landwirtschaft wäre kaum möglich.
    Ein gesunder Boden speichert mehr Kohlenstoff als die Vegetation darüber. Er ist damit nicht nur Grundlage für Ernährung, sondern auch ein stiller Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel.

 

Quellen: 
Nationalpark Hohe Tauern: Vielfältiges Leben – https://www.hohetauern.at;
Robert Costanza et al. (2014): Changes in the global value of ecosystem services – https://doi.org/10.1016/j.ecoser.2014.04.002;
Weltbiodiversitätsrat (IPBES): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services – https://www.ipbes.net/global-assessment
BMLUK, Beitrag Globaler Bestäuberbericht: https://www.bmluk.gv.at/themen/klima-und-umwelt/natur-und-artenschutz-und-biodiversitaet/biologische-vielfalt/bestaeuberbericht.html

 

Beitragsreihe Arten- und Lebensraumschutz

April 2026: Teil 1: Warum Arten- und Lebensraumschutz unsere Zukunft sichert
Mai 2026: Teil 2: Biodiversität – warum Vielfalt stabile Ökosysteme schafft
Juni 2026: Teil 3: Können einzelne Arten ganze Ökosysteme stabilisieren?
Juli 2026: Teil 4: Der Nationalpark Hohe Tauern – Schutzraum für alpine Lebensvielfalt
August 2026: Teil 5: 40 Jahre Bartgeier-Wiederansiedlung – Erfolgsgeschichte des alpenweiten Naturschutzes
September 2026: Teil 6: Nationalpark Hohe Tauern: Natur& Kultur: Arten-/Lebensraumschutz in der Kulturlandschaft


Geschrieben von
Helene Mattersberger

28.04.2026