Viele Osttiroler Täler des Nationalparks Hohe Tauern – speziell in der Außenzone mit ihrer traditionellen Kulturlandschaft – haben ihren naturnahen Charakter bewahrt. Sie bieten wertvolle Rückzugsräume für seltene Arten und Lebensräume – das ist heute wichtiger denn je.
Mehr als 30 Jahre nach der Schaffung des Tiroler Anteils des Nationalparks Hohe Tauern wurden 2025 das Debanttal, das Hintere Defereggental/Arvental und das Patschertal im Rahmen einer sogenannten Täleranalyse untersucht. Es ging darum, die Entwicklung in den vergangenen drei Jahrzehnten zu dokumentieren.
Im Nationalparkanteil des Debanttals dominieren weitgehend unberührte Offenlandflächen, die in der Außenzone des Nationalparks extensiv bewirtschaftet werden. Großflächige Eingriffe wie Meliorationen oder Verbauungen fehlen nahezu vollständig. Der Debantbach kann sich frei entfalten, dynamische Prozesse laufen ungestört ab. Insgesamt entspricht der Zustand sowohl in der Kern- als auch in der Außenzone dem Idealbild eines Nationalparks. Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt von Lebensräumen. Im Debanttal gibt es zahlreiche, europaweit geschützte FFH-Lebensraumtypen, darunter großflächige alpine Lärchen- und Zirbenwälder sowie seltene Übergangsmoore südlich der Gaimbergeralm.

Das Debanttal in der Nationalparkgemeinde Nußdorf-Debant. Ausgehend vom Parkplatz Seichenbrunn ist das Debanttal sowohl als Familienausflugsziel als auch als Start für anspruchsvolle Bergtouren in die Schobergruppe interessant (c NPHT A. Grimm).
Auch das Hintere Defereggental und das abgelegene Patschertal sind naturnah geblieben und werden in der Außenzone des Nationalparks extensiv genutzt. Die Fließgewässer sind in natürlichem Zustand, die Waldflächen nehmen sichtbar zu. Den hohen naturschutzfachlichen Wert bestätigt auch das Vorkommen von über zehn FFH-Lebensraumtypen. Besonders bemerkenswert sind kalkreiche Niedermoore und alpine Pioniergesellschaften, die auf die geologische Vielfalt zurückzuführen sind.

Das Patschertal - ein verstecktes Kleinod im Nationalpark Hohe Tauern (c NPHT F. Jurgeit).
Die äußerst seltene Einfache Mondraute konnte in beiden Tälern nachgewiesen werden. Im Defereggental konnte das Rotsternige Blaukehlchen beobachtet werden, die Arktische Smaragdlibelle wurde 2025 erstmals in beiden Gebieten bestätigt. Auch der seltene Alpen-Ameisenbläuling hat hier geeignete Lebensräume. Trotz dieser erfreulichen Bilanz gibt es Herausforderungen. Die Datenlage zu vielen Arten ist trotz Schwerpunkterhebungen wie im Rahmen der Tage der Artenvielfalt oft noch lückenhaft. Punktuell können durch Maßnahmen des Vertragsnaturschutzes die Lebensräume für verschiedene Arten noch verbessert werden.
Insgesamt zeigen die Analysen eindrucksvoll, wie wertvoll großräumig erhaltene traditionell und nachhaltig bewirtschaftete Kultur- und Naturlandschaften sind und wie sie durch den Nationalpark gefördert werden. Sie bieten nicht nur Lebensraum für spezialisierte Arten, sondern ermöglichen auch natürliche Prozesse – ein unschätzbarer Gewinn für den Naturschutz in den Alpen.
Die Einfache Mondraute (Botrychium simplex), auch Traubenfarn genannt, ist eine in Europa extrem seltene und stark gefährdete Farnart, die im Nationalpark Hohe Tauern nachgewiesen wurde. Als FFH-Art (Anhang II und IV) geschützt, ist sie aufgrund ihrer verborgenen Lebensweise (unterirdisches Rhizom) nur kurzzeitig (oft im Sommer) sichtbar. Die Art bevorzugt lückige Rasen, oft als Eiszeitrelikt in speziellen Biotopen wie Schneetälchen (c NPHT Emanuel Egger).

Das Rotsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica) macht seinem Namen alle Ehre: Die leuchtend blaue Kehle des Männchens ist unverkennbar. Ihn zu entdecken, ist aber nicht einfach, denn er lebt meist versteckt im Gebüsch. Begradigte und befestigte Flüsse sowie die negative Beeinflussung von Mooren haben das Blaukehlchen zudem selten werden lassen (c Bernhard Huber).
Die Arktische Smaragdlibelle (Somatochlora arctica) ist eine spezialisierte Moorlibelle und durch den starken Rückgang dieses Lebensraumes leider vom Aussterben bedroht. Die Arktische Smaragdlibelle erreicht eine Körperlänge von ca. 50 mm bei einer Flügelspannweite von etwa 70 mm