Nationalpark Hohe Tauern

Teil 6: Naturschutz durch traditionelle Kulturlandschaft


Gerade im Herbst schaue ich besonders gerne hinauf zu den Almen: Die Lärchen leuchten golden, dazwischen färben sich Schwarzbeeren und Preiselbeeren in die schönsten Rottöne. Wenn ich dann oben unterwegs bin, durch diese offene Landschaft wandere und an alten Almgebäuden, Zäunen oder Klaubsteinmauern vorbeikomme, frage ich mich oft, wie viele Generationen diese Landschaft geprägt und gepflegt haben.


Im Nationalpark Hohe Tauern sind Natur und Kultur eng miteinander verwoben. Neben weitgehend natürlichen Hochgebirgslebensräumen (Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern) spielt auch die traditionelle Kulturlandschaft (Außenzone des Nationalparks Hohe Tauern) eine wichtige Rolle. Dort wird nachhaltige Landwirtschaft gefördert. Zwischen blühenden Almwiesen, alten Steinmauern und Schupfen aus Holz zeigt sich, dass Naturschutz nicht immer Wildnis bedeutet – manchmal ist er das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung. Diese traditionellen Kulturlandschaftselemente sind kleine Strukturen mit großer Wirkung. Sie erzählen Geschichten vom Leben in den Bergen – und sie sind Rückzugsräume für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Auch jahrhundertelange, naturnahe Bewirtschaftung kann Lebensräume für eine große Vielfalt an Pflanzen und Tieren schaffen.

Kleine Strukturen mit großer Wirkung

Der Nationalpark Hohe Tauern schützt nicht nur unberührte Hochgebirgslandschaften, sondern auch die vom Menschen geprägten Lebensräume, die über Jahrhunderte entstanden sind. Trockenmauern, Hecken, Almgebäude oder Mähwiesen sind keine Relikte vergangener Zeiten, sondern lebendige Elemente einer Landschaft, die Artenvielfalt fördert.
Der Nationalpark Hohe Tauern erfasst und untersucht diese historischen Kulturlandschaftselemente, um ihren Bestand, ihre Bedeutung und ihren Zustand zu dokumentieren. Dabei geht es nicht nur um Bauwerke: Auch biotische Strukturen wie Almanger, Bergmähder, Lärchwiesen und Lärchweiden gehören zur traditionellen Kulturlandschaft.

Klaubsteinmauern – Lebensadern im Gelände

Ein besonders charakteristisches Element der alpinen Kulturlandschaft sind Klaubsteinmauern, die vielerorts die Hänge und Weiden durchziehen. Diese Trockenmauern wurden einst mühsam von Hand errichtet, um Weideflächen abzugrenzen, die Almwiesen offen zu halten, oder Hänge zu befestigen. Heute sind sie wertvolle Mikrohabitate.
Zwischen den Steinen entstehen kleine Nischen von ökologischem Wert, die Reptilien wie die Zauneidechse oder Bergmolche als Sonnenplätze und Verstecke nutzen. Auch Insekten wie Wildbienen, Laufkäfer und Spinnen finden hier Schutz. In den wärmeren Fugen siedeln sich wärmeliebende Pflanzenarten an – etwa Mauerpfeffer, Thymian oder Steinbrech.
Diese Mauern speichern Wärme, schaffen ein eigenes Mikroklima und tragen so zur ökologischen Vielfalt in der Kulturlandschaft bei. Der Nationalpark Hohe Tauern fördert ihre Erhaltung durch Schulungen, Pflegeeinsätze und Projekte, bei denen alte Mauern restauriert und dokumentiert werden.
Almgebäude als Lebensraum und Teil der Kulturlandschaft
Auch die Almhütten und Almgebäude selbst sind Teil dieses ökologischen Mosaiks. Was auf den ersten Blick nur nach traditioneller Architektur aussieht, ist in Wahrheit ein wichtiger Lebensraum.
Dachbalken, Holzverschalungen, Mauern und Dachräume können verschiedenen Tierarten Unterschlupf und Brutplätze bieten. Schwalben – vor allem Rauch- und Mehlschwalben – nutzen die Dachbalken und Mauervorsprünge der Almhütten als Brutplätze. Sie kehren jedes Jahr zurück, ziehen ihre Jungen groß und tragen gleichzeitig zur natürlichen Insektenregulierung bei. Eine Schwalbenfamilie kann im Sommer mehrere Tausend Insekten fangen – ein unschätzbarer Beitrag für das ökologische Gleichgewicht.
Auch Fledermäuse finden in alten Dachstühlen und Holzverschalungen Unterschlupf. Sie profitieren von der extensiven Bewirtschaftung der Almen, die ein reiches Nahrungsangebot an Insekten bietet. Gleichzeitig erzählen die Gebäude von der jahrhundertelangen Geschichte der Almwirtschaft. Sie machen sichtbar, wie Menschen den alpinen Raum genutzt haben und wie eng Landwirtschaft, Handwerk und Natur miteinander verbunden sind.

Kulturlandschaft als Motor für Biodiversität

Die extensive Bewirtschaftung der Almen – also eine Nutzung ohne Überdüngung, mit späten Mähterminen und angepasster Beweidung – schafft strukturreiche Lebensräume. Hier wachsen Blumenwiesen mit Enzian, Arnika und Glockenblumen, die wiederum Schmetterlinge, Wildbienen und Heuschrecken anziehen.
Diese Vielfalt ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrhundertelangen Balance zwischen Nutzung und Schonung. Der Nationalpark unterstützt Landwirtinnen und Landwirte, die diese Form der Bewirtschaftung fortführen, durch Förderprogramme, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit.
Kulturlandschaft: Verbindung von Mensch und Natur
Traditionelle Kulturlandschaftselemente sind mehr als nur ökologische Strukturen – sie sind Bindeglieder zwischen Mensch und Natur. Ihr Erhalt fördert:
• Biodiversität, indem sie Lebensräume für spezialisierte Arten bieten
• Landschaftsbild, das die Identität der Region prägt
• nachhaltigen Tourismus, der auf Authentizität und Naturerlebnis setzt
• regionale Identität, die durch gelebte Traditionen gestärkt wird

Lebendige Almen, traditionelle Holzzäune, Klaubsteinmauern oder Schindeldächer: Die gute Zusammenarbeit zwischen Grundbesitzer:innen und Nationalpark in Form eines partnerschaftlichen Vertragsnaturschutzes trägt viel zum Erhalt der Kulturlandschaft bei.

Beispiele für Alm-/Kulturlandschafts-Projekte im Nationalpark Hohe Tauern

Ein Erfolgsmodell ist das seit 2007 existierende Almzertifikat in Tirol. Das Programm unterstützt Almbewirtschafter:innen, ihre Flächen möglichst ökologisch zu nutzen. Bis 2024 wurden auf 24 Almen rund 380 Hektar Lebensräume verbessert – das entspricht im Schnitt 16 Hektar pro Alm. Dieses Modell trägt wesentlich zur Sicherung artenreicher Lebensräume im FFH-Netzwerk bei. Es verbindet traditionelle Almwirtschaft mit moderner Biodiversitätsforschung und zeigt, dass Naturschutz und Nutzung keine Gegensätze sind. (Quelle NP-Magazin Ausgabe Herbst 2025)

Wie wirkt sich die traditionelle Almbewirtschaftung auf unsere wertvollsten Naturräume aus? Dieser Frage gehen seit Sommer 2025 Vegetationsökolog:innen im Nationalpark Hohe Tauern nach. Im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts werden bis 2027 alle Almen im Kärntner und Salzburger Teil des Nationalparks kartiert: Welche Pflanzen wachsen hier? Welche Lebensräume finden sich auf den Rinder- und Schafalmen? Und wie genau werden diese Flächen bewirtschaftet? Dieses Projekt baut auf den Ergebnissen aus dem Jahr 2015 und hat folgende Kernziele:
• Erfassung der Lebensraumtypen, Biotoptypen und der Almnutzung v. a. im Gelände
• Untersuchung der Veränderungen auf den Almen seit der letzten Erhebung im Jahr 2015
• Entwicklung von Maßnahmenvorschlägen (Kombination aus almwirtschaftlichen und naturschutzfachlichen Maßnahmen) zur Erhaltung und Verbesserung der Lebensräume. (Quelle Website: https://hohetauern.at/de/forschung/weitere-forschungsprojekte.html )

"Kulturlandschaftselemente in der Nationalparkregion Hohe Tauern Tirol"

Von A wie Alm bis Z wie Zaun – Der Nationalpark Hohe Tauern Tirol weist eine Vielzahl wertvoller und diverser historischer Kulturlandschaftselemente auf. Die Strukturen fügen sich harmonisch in die Landschaft ein und unterstreichen die Verzahnung von Natur- und Kulturlandschaft, die den Nationalpark prägt. Diese Verbindung schafft nicht nur eine eindrucksvolle Kulisse, sondern leistet einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt in einem sich wandelnden Landschaftsbild.
Das Projekt beabsichtigt eine Inventarisierung dieser wertvollen Strukturen, um den Status Quo sichtbar und fassbar zu machen. Primär wird untersucht, welche und wie viele historische Kulturlandschaftselemente sich im Untersuchungsgebiet befinden. Zentral ist die Einbindung der Menschen vor Ort mit ihrem wertvollen, alten Erfahrungswissen. Ein besonders wichtiger Aspekt ist außerdem die Steigerung der Wertschätzung und des Bewusstseins gegenüber diesen oft durch mühsame Arbeit entstandenen Strukturen und dem traditionellen Handwerk. Denn nur mit Wissen, Wertschätzung und bewusster Wahrnehmung können diese Kulturgüter langfristig und nachhaltig geschützt und präsent in der Landschaft erhalten werden.
(Quelle Website: https://hohetauern.at/de/forschung/weitere-forschungsprojekte.html ) erster Bericht: https://www.parcs.at/nphtt/pdf_public/2025/55184_20250909_144131_NPKulturlandschaft_DS_KDT_KTT.pdf

Was passiert, wenn Almen nicht mehr bewirtschaftet werden?

Die Frage nach der Zukunft der Almwirtschaft ist auch eine Frage des Naturschutzes. Wird eine Alm nicht mehr genutzt, können sich Vegetation und Landschaftsstruktur verändern. Gehölze können sich ausbreiten und offene Flächen zunehmend verbuschen. Gleichzeitig können sich einzelne Arten und Lebensräume verändern.
Wie sich solche Prozesse entwickeln, zeigt unter anderem das vegetationsökologische Monitoring auf der Aschamalm im Untersulzbachtal. Dort wird seit 2016 beobachtet, wie sich die Vegetation nach der Aufgabe der Beweidung verändert.
Das Beispiel macht deutlich: Es gibt nicht die eine allgemeingültige Form von Naturschutz. Je nach Lebensraum können sowohl natürliche Sukzession als auch eine angepasste landwirtschaftliche Nutzung wichtige Bestandteile des Schutzes sein.

Fazit: Naturschutz kann auch Kulturlandschaft sein

Die Kulturlandschaft im Nationalpark Hohe Tauern zeigt eindrucksvoll, dass Naturschutz und traditionelle Nutzung miteinander verbunden sein können. Klaubsteinmauern, Almgebäude, Holzzäune, Bergmähder und artenreiche Almwiesen sind nicht bloß Relikte vergangener Zeiten. Sie sind Teil einer lebendigen Landschaft, in der sich ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte überschneiden.
Aktuelle Forschungsprojekte zeigen, wie wichtig es ist, diese Strukturen zu dokumentieren und ihre Entwicklung wissenschaftlich zu begleiten. Gleichzeitig bleibt die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort entscheidend: Nur wenn traditionelles Wissen, moderne Forschung und naturschutzgerechte Bewirtschaftung zusammenspielen, kann die alpine Kulturlandschaft langfristig erhalten werden.
Wer durch eine Alm im Nationalpark Hohe Tauern wandert, sieht deshalb nicht nur eine schöne Berglandschaft. Er sieht auch die Spuren jahrhundertelanger Arbeit – und Lebensräume, die durch diese besondere Verbindung von Mensch und Natur entstanden sind.

FAQ: Kulturlandschaft und Almwirtschaft im Nationalpark Hohe Tauern

Was sind Kulturlandschaftselemente im Nationalpark Hohe Tauern?

Kulturlandschaftselemente sind Strukturen, die durch die jahrhundertelange Nutzung und Gestaltung der Landschaft durch Menschen entstanden sind. Dazu gehören beispielsweise Klaubsteinmauern, Almgebäude, Holzzäune, Bergmähder, Almanger, Lärchwiesen und Lärchweiden.

Warum sind Klaubsteinmauern für den Naturschutz wichtig?

Klaubsteinmauern erhöhen die Strukturvielfalt der Landschaft. Ihre Spalten und Zwischenräume bieten Lebensräume für verschiedene Insekten, Spinnen und andere Kleintiere sowie geeignete Standorte für Pflanzen. Gleichzeitig sind sie charakteristische Zeugnisse traditioneller alpiner Handwerkskunst.

Welche Bedeutung haben Almen für die Biodiversität?

Almen können eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensräume beherbergen. Dazu gehören Weiderasen, Mähwiesen, Feuchtlebensräume, Felsen, Einzelbäume und strukturierte Waldränder. Eine angepasste Bewirtschaftung kann dazu beitragen, diese Lebensraumvielfalt zu erhalten.

Was passiert mit einer Alm, wenn sie nicht mehr bewirtschaftet wird?

Bei einer Aufgabe der Bewirtschaftung können sich Vegetation und Landschaftsstruktur verändern. Unter anderem können Gehölze und Sträucher zunehmen. Wie sich solche Veränderungen konkret entwickeln, hängt vom jeweiligen Standort und den dort vorhandenen Lebensräumen ab.

Warum sind traditionelle Kulturlandschaft und Naturschutz im Nationalpark miteinander verbunden?

Viele Lebensräume der alpinen Kulturlandschaft sind durch eine jahrhundertelange, angepasste Nutzung entstanden. Deshalb kann der Erhalt bestimmter Lebensräume eine entsprechende Bewirtschaftung voraussetzen. Gleichzeitig werden natürliche Entwicklungen und Prozesse in anderen Bereichen des Nationalparks bewusst zugelassen. 

Quellen

Podcast #004 „Almwirtschaft im Nationalpark Hohe Tauern“
Podcast #009 „Kulturlandschaft: Almen, Mauern, Geschichten“
Aktuelle Forschung zur Almnutzung 2025–2027: Erhebung der Lebensräume und Almnutzung
Projekt Kulturlandschaftselemente Tirol: Projektfortsetzung Kulturlandschaftselemente in der Nationalparkregion Hohe Tauern Tirol
Erster Projektbericht / Publikation: Kulturlandschaftselemente im Nationalpark Hohe Tauern Tirol – Publikation 2025 

Beitragsreihe Arten- und Lebensraumschutz

April 2026: Teil 1: Warum Arten- und Lebensraumschutz unsere Zukunft sichert
Mai 2026: Teil 2: Biodiversität – warum Vielfalt stabile Ökosysteme schafft
Juni 2026: Teil 3: Können einzelne Arten ganze Ökosysteme stabilisieren? 
Juli 2026: Teil 4: Der Nationalpark Hohe Tauern – Ein Modell für modernen Naturschutz
August 2026: Teil 5: 40 Jahre Bartgeier-Wiederansiedlung – Erfolgsgeschichte des alpenweiten Naturschutzes
September 2026: Teil 6: Nationalpark Hohe Tauern: Natur& Kultur: Arten-/Lebensraumschutz in der Kulturlandschaft


Geschrieben von
Helene Mattersberger

28.09.2026