Nationalpark Hohe Tauern

Geier – unterschätzte Helden der Natur


Warum diese beeindruckenden Vögel für unsere Ökosysteme unverzichtbar sind

Wenn hoch über Bergen, Felsen oder offenen Landschaften große Vögel lautlos ihre Kreise ziehen, handelt es sich oft um Geier. Ihr Flug wirkt mühelos – stundenlang segeln sie ohne einen einzigen Flügelschlag.
Trotz dieser beeindruckenden Fähigkeiten haben Geier einen schlechten Ruf. Dabei sind sie für gesunde Ökosysteme von enormer Bedeutung: Sie beseitigen Kadaver, verhindern die Ausbreitung von Krankheiten und gehören zu den effizientesten Segelfliegern der Welt.
Hier sind einige faszinierende Fakten über diese oft missverstandenen Vögel.

Geier sind weltweit verbreitet

Insgesamt gibt es 23 verschiedene Geierarten, die über fast die gesamte Welt verteilt sind. Sie leben auf allen Kontinenten – mit Ausnahme von Australien und der Antarktis.

Man unterscheidet zwei Gruppen:

Altweltgeier in Europa, Afrika und Asien
Neuweltgeier in Nord- und Südamerika


Obwohl sie sich äußerlich ähneln, sind diese beiden Gruppen evolutionär nicht eng miteinander verwandt.

Geier sind die „Gesundheitspolizei“ der Natur

Geier ernähren sich hauptsächlich von toten Tieren. Damit übernehmen sie eine wichtige ökologische Aufgabe: Sie beseitigen Kadaver oft innerhalb weniger Stunden und verhindern so, dass sich Krankheitserreger verbreiten. Gleichzeitig führen sie wertvolle Nährstoffe wieder in den natürlichen Kreislauf zurück. Ohne Geier würden Kadaver deutlich länger in der Landschaft liegen bleiben – mit Folgen für Gesundheit und Umwelt.

Ihr Verdauungssystem ist extrem leistungsfähig. Geier können Nahrung verdauen, die für andere Tiere hochgefährlich wäre. Ihre Magensäure gehört zu den stärksten im Tierreich und erreicht einen pH-Wert von etwa 1,5. Dadurch werden viele Bakterien und Krankheitserreger bereits im Verdauungstrakt unschädlich gemacht.

Ein Blick aus großer Höhe

Altweltgeier verlassen sich auf ihr außergewöhnlich scharfes Sehvermögen, um Kadaver aus großer Höhe zu entdecken. Einige Neuweltgeier besitzen zusätzlich einen sehr ausgeprägten Geruchssinn und können Aas über mehrere Kilometer Entfernung wahrnehmen. 

Einige Geierarten gehören zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Der Andenkondor erreicht eine Flügelspannweite von bis zu 3,2 Metern und kann bis zu 15 Kilogramm wiegen.
Der Rüppellgeier hält einen außergewöhnlichen Höhenrekord: Ein dokumentierter Zusammenstoß mit einem Flugzeug zeigte, dass dieser Vogel in 11.300 Metern Höhe fliegen kann – also in derselben Höhe wie viele Verkehrsflugzeuge.

Geier sind erstaunlich soziale Tiere

Viele Geierarten leben in Gemeinschaften und versammeln sich an gemeinsamen Schlafplätzen.Arten wie der Gänsegeier bilden große Gruppen mit klaren sozialen Hierarchien. Die Tiere kommunizieren über Körpersprache, Laute und visuelle Signale. Sogar gegenseitige Gefiederpflege kommt vor – ein Verhalten, das soziale Bindungen stärkt.

Gänsegeier im Flug

Im Sommer sind Gänsegeier häufige Gäste im Nationalpark Hohe Tauern. Rund 90 bis über 100 Individuen konnten schon gezählt werden. c NPHT Christoph Dietmaier

Weitere interessante Fakten zu den Geiern:

Gefiederpflege mit rotem "Make-up"
Einige Geier zeigen ein ungewöhnliches Verhalten: Schmutzgeier und Bartgeier tragen rötlichen Schlamm auf ihr Gefieder auf. Der genaue Zweck ist noch nicht vollständig geklärt. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass die Färbung als Signal für Stärke oder Status dienen könnte.
Geier sind intelligenter als ihr Ruf
Geier gelten als überraschend kluge Vögel. Der Schmutzgeier gehört sogar zu den wenigen Vogelarten, die Werkzeuge verwenden. Er hebt Steine auf und wirft sie gezielt auf Straußeneier, um deren harte Schale zu öffnen.
Ein langes Vogelleben
Viele Geierarten können ein erstaunlich hohes Alter erreichen. Einige Individuen werden über 40 Jahre alt und gehören damit zu den langlebigsten Vogelarten.
Meister des energiesparenden Fliegens
Geier sind perfekte Segelflieger. Sie nutzen thermische Aufwinde und gleiten oft stundenlang nahezu ohne Flügelschlag durch die Luft. Der Andenkondor schlägt seine Flügel nur etwa ein Prozent seiner Flugzeit.
So können Geier an einem einzigen Tag Hunderte Kilometer zurücklegen.
Verehrt in vielen Kulturen
In verschiedenen Kulturen wurden Geier nicht als unheimlich, sondern als Symbol für Reinigung und Erneuerung betrachtet. Ihre Rolle als natürliche „Aufräumer“ machte sie zu wichtigen Symboltieren im Kreislauf des Lebens.
Geier helfen sogar beim Klimaschutz
Indem Geier Kadaver schnell beseitigen, verhindern sie die Freisetzung großer Mengen an Treibhausgasen, die bei der Zersetzung entstehen würden. Schätzungen zufolge sparen Geierpopulationen weltweit jährlich bis zu 60,7 Teragramm CO₂ ein – das entspricht den Emissionen von 12 bis 13 Millionen Autos. Diese Leistung wird vor allem von Neuweltgeiern vollbracht.
Treue Partner und große Nester
Geier leben meist in monogamen Paaren und bleiben ihren Brutplätzen oft viele Jahre treu. Der Mönchsgeier baut beispielsweise riesige Nester aus Zweigen, die bis zu zwei Meter breit und etwa einen Meter tief werden können. Viele Paare kehren jedes Jahr zu demselben Nest zurück. Bei Geiern teilen sich beide Partner die Aufgaben der Brutpflege. Männchen und Weibchen wechseln sich beim Ausbrüten der Eier ab und kümmern sich gemeinsam um die Aufzucht der Jungen.

Geier - eine der am stärksten bedrohten Vogelgruppen

Trotz ihrer enormen Bedeutung für die Natur gehören Geier heute zu den stark gefährdeten Vogelgruppen weltweit. Rund 70 Prozent aller Arten gelten als bedroht oder vom Aussterben bedroht.
Zu den größten Gefahren für Geier zählen:
• Vergiftungen (oft über vergiftete Kadaver)
• illegale Verfolgung
• Verlust von Lebensräumen
• Stromschläge oder Kollisionen mit Energieinfrastruktur

Um diese faszinierenden Vögel zu erhalten, sind internationale Naturschutzmaßnahmen und Forschung entscheidend. Und hier bringt sich der Nationalpark Hohe Tauern schon seit 1986 besonders engagiert ein. Seit damals wurden jährlich einige Junggeier in freier Wildbahn ausgesetzt, dies über viele Jahre hinweg. Es hat aber sehr lange gedauert bis sich Brutpaare gebildet haben – momentan sind es fünf. In den westlichen Alpen ist die Situation etwas besser.
Es dürften inzwischen 350 Bartgeier im Alpenraum ihre Kreise ziehen (Stand 2025). Einmal mehr zeigt sich, dass es wesentlich effektiver und auch finanziell günstiger ist eine Art und deren Lebensraum zu schützen als sonst teure Wiedereinbürgerungsprojekte zu starten die leider nicht immer erfolgreich sind. Nicht nur bei Vögeln sondern auch bei Luchsen, autochthonen Fischbeständen und vielen anderen mehr.


Geschrieben von
Martin Kurzthaler

26.03.2026