Man stelle sich vor: Ein Wald, in dem umgestürzte Bäume liegen bleiben, wo die Natur ungestört ihre Arbeit verrichtet und niemand eingreift, wenn ein Sturm eine Schneise schlägt. Ein Brand, welcher eine Fläche laut menschlichen Vorstellungen zerstört. Eine Krankheit bei einer Wildtierart, welche die Population stark dezimiert. Und der Mensch soll nicht eingreifen? Was für manche nach Chaos klingt, ist tatsächlich die Rückkehr zu einem uralten Prinzip – der Natur ihren Lauf lassen.
Die Geschichte des Naturschutzes gleicht einer philosophischen Reise. Jahrhundertelang versuchten wir, Natur zu konservieren wie ein Gemälde – schön anzusehen, aber statisch. Wir schützten einzelne Arten, pflegten Landschaften und griffen ein, sobald sich etwas nicht nach unseren Vorstellungen von einer "aufgeräumten" Natur entwickelte. Doch langsam dämmert uns: Echte Natur ist kein Stillstand, sondern ständige Veränderung.
Diese Erkenntnis steht im Zentrum einer spannenden Tagung im Nationalpark Hohe Tauern am 17. April 2026. Unter dem Titel "Naturschutz im Wandel" diskutieren Experten aus Österreich und der Schweiz über einen Paradigmenwechsel. Weg vom klassischen Artenschutz, hin zum Prozessschutz und echten Wildnisgebieten:
Das Wildnisgebiet Sulzbachtäler und das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal zeigen, dass Wildnis auch in Mitteleuropa möglich ist. Bernhard Kohler vom WWF wird erläutern, wie diese Gebiete entstanden sind und welche Hürden bei der internationalen Zertifizierung zu nehmen waren. Die entscheidende Frage dabei: Wie viel Fläche braucht Wildnis wirklich? Nicht jeder Flecken unberührter Natur kann automatisch als Wildnisgebiet gelten. Es braucht Raum für natürliche Prozesse – für Hochwasser, die Flussläufe verändern, für Waldbrände, die Platz für Neues schaffen, für Raubtiere, die wandern können.
Christoph Leditznig vom Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal wird einen scheinbaren Widerspruch thematisieren: Warum braucht Wildnis Management? Die Antwort liegt in unserer fragmentierten Landschaft. Selbst die größten Schutzgebiete sind Inseln in einer vom Menschen geprägten Umgebung. Es gilt, Übergänge zu gestalten, invasive Arten zu kontrollieren und manchmal auch, die Natur vor zu viel menschlichem Interesse zu schützen.
Nicht überall können großflächige Wildnisgebiete entstehen. Martin Steinkellner vom Bundesforschungszentrum für Wald zeigt einen pragmatischen Ansatz: Naturwaldreservate und Trittsteinbiotope als Netzwerk kleiner Wildnisinseln. Diese funktionieren wie Sprungbretter für Arten und ermöglichen genetischen Austausch zwischen isolierten Populationen.
Vom Schweizerischen Nationalpark, einem Pionier des Prozessschutzes in Europa, berichtet Simon Aeschbacher. Seit über 100 Jahren darf sich die Natur dort weitgehend selbst entwickeln – ein einzigartiges Freilandlabor, das zeigt, was passiert, wenn der Mensch nicht eingreift.
Reinhard Lentner von der Universität Innsbruck widmet sich einem besonders dynamischen Lebensraum: den alpinen Flüssen. Gerade hier zeigt sich das Spannungsfeld zwischen Hochwasserschutz, Energiegewinnung und dem Erhalt natürlicher Prozesse. Doch genau diese Dynamik macht Flusslandschaften zu Hotspots der Biodiversität.
Wildnisgebiete sind mehr als romantische Sehnsuchtsorte aus der Literatur. Sie sind Referenzflächen, die zeigen, wie Ökosysteme ohne menschlichen Einfluss funktionieren. Sie sind Rückzugsräume für scheue Arten und Experimentierfelder der Evolution. Und sie sind Orte, an denen wir Demut lernen können – die Einsicht, dass nicht alles unserer Kontrolle bedarf. Wir Menschen nennen dies Prozessschutz - das Zulassen der natürlichen Entwicklung.
Die Tagung im Nationalparkzentrum Mittersill bietet die Gelegenheit, mit führenden Experten über diese Zukunftsfragen zu diskutieren. Für 50 Euro Teilnahmegebühr erhalten Interessierte nicht nur Zugang zu hochkarätigen Vorträgen, sondern auch einen digitalen Tagungsband zum Nachlesen.
Praktischer Hinweis: Die Nationalpark Akademie legt als Veranstalter Wert auf eine nachhaltige Anreise. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen Sie Mittersill beispielsweise von Salzburg aus in etwa 2,5 Stunden. Die Tagung beginnt um 9:00 Uhr und endet um 16:00 Uhr – abgestimmt auf die Fahrpläne der ÖBB.